Kostenexplosion im Kulturtempel

Elbphilharmonie: Traum und Alptraum


Erst war da eine geniale Idee. Die kam gut an. Dann wurde sie auf den Weg gebracht - aber katastrophal umgesetzt. Jetzt steht im Hamburger Hafen die umstrittenste Baustelle der Republik, die Situation ist festgefahren. Der Senat agiert ungeschickt, Hochtief arbeitet mit Tricks und Finten. Die GAL-Fraktion hat nun den Blick zurück geworfen und analysiert, wie es zu diesem Schlamassel kommen konnte.

Zu Beginn war es eine magische Idee, die die Stadt, die Kulturszene, das Bürgertum, die Presse, auch die Politik und eben auch viele von uns Grünen verzauberte: Die Stadt der Kaufmannsleute an deren Nüchternheit und Konservatismus vor allem wir Grüne litten, träumte plötzlich von einer gläsernen Konzerthalle an der Elbe.

Die Zeitungen titelten: „Kultur wird endlich wichtig“, „Eine Idee wird zur Lokomotive“, „Leuchtturm für Kulturzukunft“, „Hamburg bekommt seinen Eiffelturm“.

Von Anfang an versuchten wir, diese Elbphilharmonie nicht als elitären Kulturtempel zu begreifen, sondern das Konzerthaus zu einem Haus für Alle zu entwickeln. Wichtiger als Baupläne und Vertragsfeinheiten war uns damals, begleitend ein anspruchsvolles Konzept der Kulturellen Bildung in den Quartieren durchzusetzen und z.B. einen zusätzlichen Konzertsaal für Popularmusik einzuplanen. Das gelang und überzeugte auch SkeptikerInnen in den eigenen Reihen.

Die Elbphilharmonie heute ist hamburgweit eine Metapher für Missmanagement, eine Bankrotterklärung der beteiligten Behörden. Jede neue Etappe der Kostenexplosion erschüttert die Stadt. Eine unerträgliche Situation auch und gerade für die Befürworter des Projekts, gerade weil wir die Elbphilharmonie schon früh unterstützt haben.

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss Elbphilharmonie (PUA) hat die Aufgabe die das Planungs- und Kostendesaster zu untersuchen. Die GAL hat inzwischen ein vorläufiges Bild davon, an welchen Stellen dieses unglaublich komplexe Projekt vom Weg abgekommen ist. Allerdings ist diese Einschätzung vorläufig, da fast in jeder Zeugenvernehmung neue Fakten, Zusammenhänge und Bezüge auftauchen und sich Veränderungen in der Beurteilung und Bewertung ergeben können.

Was waren also die Gründe für die Kostenexplosion?

Als erstes ist zu nennen, dass begründet durch die euphorische Aufbruchsituation in der Stadt, die in den Jahren 2005 und 2006 herrschte - man erinnere sich nur an die gewaltige Summe von 70 Mio. Euro, die durch private Spenden für dieses Projekt aufgebracht wurde –

die Versuchung für die regierende CDU offenbar zu groß war, diesen Schwung zu nutzen, um einen einstimmigen Beschluss in der Bürgerschaft zu erreichen. Eine Verzögerung um ein halbes oder ganzes Jahr wäre politisch schwierig geworden, hätte den Optimismus gedämpft, unbequeme Fragen erzeugt und auf nächste Wahltermine abgestimmte Zeitpläne umgeworfen. Aus heutiger Sicht ein gravierender Fehler, denn die verfrüht erfolgte Bauausschreibung bezog sich auf einen Planungsstand, der bestenfalls halbfertig war.  Mache Kalkulationen waren damals eher geraten als gerechnet, wurden aber als Faktum dargestellt.

Die zweite Fehleinschätzung resultierte daraus, dass die hohen Ansprüche an “Weltarchitektur” und der Ehrgeiz ein Wahrzeichen für die Stadt zu schaffen, nicht mit der Einsicht verbunden wurden, dass diese Ansprüche auch Geld kosten würden. Bei internationalen Stardesignern wie Herzog & de Meuron nicht nur einen genialischen Entwurf in Auftrag zu geben, sondern auch die Ausführungsplanung bis in alle Einzelpläne, Materialien und Details dort planen zu lassen, war ein Risiko. Aufgrund ihrer starken Vertragsposition konnten Herzog & de Meuron ihre architektonischen Vorstellungen bis ins Detail und im Zweifel auch gegen Kostenargumente durchsetzen. Die Architekten erreichten damit eine baubestimmende Rolle, die nicht wieder eingefangen werden konnte.

Risiken der Finanzierung

Wenigstens bei der Finanzierung sollte Geld gespart werden, aber das erwies sich als der dritte große Fehler. Weil eine Kommune billiger Geld aufnehmen kann als ein Investor, wurde eine komplexe Projektkonstruktion gewählt (sog. Forfaitierung),  bei der die Stadt das gesamte Gebäude baut und dann die kommerziellen Teile weiterverpachtet. Damit ging das Bauherrenrisiko auch für den kommerziellen Mantel (Hotel, Wohnungen, Gastro) an die Stadt. Noch wichtiger war aber, dass die Stadt das  Druckmittel Zahlungseinstellung gegenüber dem Generalunternehmer HOCHTIEF verlor, da finanzierende Banken zwischengeschaltet sind und auf ihr Geld pochen. Die günstigen kommunalen Finanzierungskonditionen, die die CDU mit diesem Konstrukt erreichte, verschlechterten zwei Jahre später im Konflikt mit dem Generalunternehmer ADAMANTA um den Nachtrag 4 die Verhandlungsposition der Stadt deutlich, denn sie konnte den Geldhahn nicht mehr zudrehen.

Konfliktmuster

Zu diesen Konflikten kam es, weil es auf Grund der extrem frühen Ausschreibungen und dem unfertigen Planungsstand zu einer sehr großen Zahl von Streitfällen darüber kam, was, wo und wann gebaut werden soll. Die einzelnen Leistungen, die der Generalplaner Herzog & de Meuron dem Generalunternehmer ADAMANTA vorzulegen hatte unterlagen keinem gemeinsamen synchronisierten Zeitplan.  So kam es häufig zu einem Streitfall zwischen Generalplaner und Generalunternehmer nach folgendem Muster: Der Generalunternehmer führte an, dass die Konkretisierung der Pläne so nicht vorgesehen sei und daher zu einer Änderung des Bausolls führe, für die das abgegebene Angebot nicht gelte. In der Regel führte dann die Änderung zu höheren Kosten.

In der Mitte des Streits zwischen Generalplaner und Generalunternehmer stand - und steht immer noch - die Stadt. Die CDU hat  am Projektbeginn an diese Schnittstelle die städtische Realisierungsgesellschaft ReGe gesetzt, an  deren Spitze Hartmut Wegener stand, der seit der umstrittenen Startbahnverlängerung für AIRBUS in Finkenwerder als Macher galt. Nicht den städtischen Behörden, sondern der schlank aufgestellten ReGe oblag es,  die Verträge für die Stadt mit dem Konzern Hochtief und dem international agierenden Architekturbüro Herzog & de Meuron auszuhandeln und die Bauphase zu koordinieren und zu überwachen. Trotz vieler hinzugezogener Berater- und Anwaltsfirmen war die ReGe mit dieser Aufgabe überfordert.

Erster Showdown beim Nachtrag 4

Herr Wegener zeichnete sich lange dadurch aus, intern schon sichtbare Probleme öffentlich wegzubügeln. Vor den Mitgliedern der Ausschüsse für Stadtentwicklung, Haushalt und Kultur erklärte er in der entscheidenden Sitzung im Januar 2007, dass es sich bei dem Preis für die Elbphilharmonie um einen pauschalen Festpreis handele und die Elbphilharmonie daher gar nicht teurer werden könne. Eine Aussage die aus heutiger Perspektive nicht nur fatal, sondern auch unglaubwürdig war und eine Täuschung des Parlaments darstellte.

Mit Beginn der schwarz-grünen Koalition haben wir versucht, auf die Überforderung der ReGe zu reagieren und sie enger durch die Kulturbehörde zu steuern. In dem Maße wie MitarbeiterInnen der Kulturbehörde sich in das Konfliktfeld zwischen ADAMANTA, Herzog & de Meuron und der ReGe einarbeiteten, wurde die Kommunikation zwischen der Behördenleitung und dem Projektmanager schwieriger und Fehlleistungen der ReGe wurden deutlicher. So zeigte sich, dass es entgegen der Behauptungen der ReGe weder einen synchronisierten Zeitplan zwischen den beiden am Bau Beteiligten gab, noch die ReGe die jeweiligen potentiell kostensteigernden Instrumente der Handelnden sachgerecht und lösungsorientiert bearbeitete. Am Ende kam es zu der Situation, die der Bürgermeister von Beust als „verkantet“ charakterisierte und die zur Entlassung von Hartmut Wegener als Chef der ReGe führte.

Zu diesem Zeitpunkt waren die maximalen Nachforderungen von ADAMANTA gegenüber der Stadt schon auf 270 Mio. Euro angewachsen. Die Stadt befand sich in einer extrem schlechten Verhandlungsposition: Zum einen hatte die ReGe die kostensteigernden Planänderungsmeldungen von ADAMANTA nie einzelnen und sachgerecht bewertet, zum anderen war sie auf Grund der vertraglichen Ausgangssituation und des gewählten Finanzierungsmodells fast jeglicher Druckmöglichkeit beraubt.

Da es für die Stadt keine Handlungsoption war, das Bauprojekt auslaufen zu lassen, blieb als einzige Möglichkeit die Fortführung übrig. Mit dem Nachtrag 4 sollte eine Bereinigung aller offenen Konfliktfelder erreicht werden. Der Preis dafür waren 137 Mio. Euro Baukostensteigerung. Diese setzen sich zusammen aus:

  • 48,2 Mio. Euro aus Projektänderungen (auf der Homepage muss hier hinterlegt sein Text der Drs. 19/1841, S. 7 und 8)
  • 36,8 Mio. Euro Verlängerung der Bauzeit
  • 22 Mio. Euro Budgeterhöhung
  • 30 Mio. Euro Einigungssumme

Um die Interessen der Stadt besser wahren zu können, wurde ein mit externem Sachverstand ausgestatteter Bauausschuss eingesetzt und die REGE mit mehr Personal ausgestattet.

Wo stehen wir?

Während der kurzen Phase der Regierungsbeteiligung haben wir von grüner Seite in der Koalition so gut es ging versucht, den Schaden zu begrenzen. Die o.g. Anfangsfehler waren aber so groß und wiegen so schwer, dass weitere Kostensteigerungen zu erwarten sind. Auch die SPD macht gerade diese Erfahrung.

Der Untersuchungsausschuss Elbphilharmonie hat sich deshalb zur Aufgabe gestellt, die Fehler in Planung und Umsetzung der Elbphilharmonie aufzuarbeiten, Verantwortlichkeiten zu benennen und Erkenntnisse für die Realisierung solch einzigartiger Großprojekte zu ziehen, die auch über Hamburg hinaus gelten können. Auch hier kann die Elbphilharmonie beispielhaft wirken.

Elbphilharmonie: Wahrzeichen für die Musikstadt Hamburg

Der eigentliche Grund, warum die Stadt, aber auch wir Grüne die Idee der Elbphilharmonie überzeugend fanden, war das Bekenntnis zur Musikstadt Hamburg. Endlich sollte Hamburg mehr sein als Handel und Hafen. Für dieses zentrale Anliegen war der Bau als funkelndes Symbol gedacht. Heute droht die berechtigte Empörung über das Missmanagement den musikalischen Kern in Vergessenheit geraten zu lassen. Dabei hat sich die Elbphilharmonie schon längst auf den Weg gemacht.

Elbphilharmonie goes Billstedt

Ob Akkordeonfestival, türkische Nächte oder „Sounds of Israel“ – das Elbphilharmonie Programm richtet sich an alle HamburgerInnen. Die Elbphilharmonie strahlt aus in Stadtteile wie Wilhelmsburg, Sasel, Jenfeld, Lurup oder Billstedt. Mit der Schlagwerkstatt „Beat Obsession“ hat die Elbphilharmonie gemeinsam mit lokalen Kulturzentren ein Projekt ins Leben gerufen, dass Jugendlichen über das gemeinsame rhythmische Musizieren Zusammenhalt, Selbstvertrauen und neue Erfahrungsspielräume für die eigene Selbstwirksamkeit bietet.

Hören lernen

Die parallelen Anstrengungen der Stadt sowohl für die Modellregion Kinder- und Jugendkultur als auch für die Elbphilharmonie haben in punkto Musikvermittlung und kultureller Bildung viel bewegt: Projekte  wie „Jedem Kind ein Instrument“ wurden angestoßen, aber auch alle großen Musikveranstalter, Musikschulen und Orchester haben in viel in die Wege geleitet: Vom Babykonzert bis zu den Ferienworkshops, von der Orchesterpatenschaft bis zum Musikkindergarten, vom Familienkonzert bis Mitmach-Konzert, von den Klangstrolchen bis zu YoungClassX. Dahinter steckt die Idee, dass die Elbphilharmonie nicht wartet, bis die Menschen aus Wilhelmsburg und Jenfeld in die HafenCity kommen. Nein: Die Elbphilharmonie kommt in die Quartiere und holt ihr Publikum ab.

Brückenschlag

Ähnlich bunt wie die Aktivitäten der Elbphilharmonie in der gesamten Stadt soll auch das Programm im Konzerthaus selbst sein. Generalintendant Christoph Lieben-Seutter versteht sein Haus als „Konzerthaus in der Mitte der Gesellschaft“. Wichtig ist ein breites Spektrum an musikalischen Veranstaltungen verschiedener Genres und neue Formen der Aufführungskultur, die verschiedene Publikumsschichten begeistern und zusammenführen.

Deshalb richtet sie sich mit ihrem Programm schon heute immer weniger an die LiebhaberInnen der Klassik alter bürgerlicher Schule, sondern vielmehr an die postmodernen Musikbegeisterten jeder Couleur, die problemlos zwischen Jazz, Pop und Klassik pendeln. So nimmt die Elbphilharmonie Jazz, Pop, Elektro oder Weltmusik ins Gesamtprogramm auf und veranstaltet Konzerte in angesagten Clubs auf der Reeperbahn. Das Experimentieren mit neuen Aufführungsorten und Formaten schlägt Brücken zwischen Klassik- und Clubszene.

Und so kann unter dem weit gespannten Dach der Elbphilharmonie in Zukunft das zusammenwachsen, was die Musikstadt Hamburg ausmacht: Einerseits die große, alte Tradition berühmter Komponisten wie Telemann, Mendelssohn, Brahms und Mahler, aber auch die lebendige neue Musikszene. Nicht nur die Beatles begannen ihre Karriere hier, sondern Hamburgs viel beachtete und aktive Clubszene hat auch erfolgreiche Künstler wie Udo Lindenberg, Jan Delay, Stefan Gwildis, Tocotronic oder Blumfeld hervorgebracht. Das Reeperbahn Festival ist heute einer der wichtigsten Treffs der internationalen Musikwirtschaft.

Symbol und Motor der Entwicklung Hamburgs zur internationalen Musikstadt und-metropole ist schon heute die Elbphilharmonie. Jenseits des Missmanagements, der Kostenexplosion und der zeitlichen Verzögerungen des Baus ist die Elbphilharmonie Wahrzeichen einer Stadt, die mehr sein möchte, als Handel und Hafen.

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