Kostenexplosion bei der Elbphilharmonie
07.11.2011
Erst war da die geniale Idee, die in einer zukunftsorientierten Stadt wie Hamburg auf fruchtbaren Boden fiel. Einmal auf den Weg gebracht, wurde sie aber von Anfang an katastrophal umgesetzt. Die Situation ist festgefahren. Der Senat agiert ungeschickt, der Konzern arbeitet mit miesen Tricks. Die GAL-Fraktion wirft den Blick zurück und führt auf, wie es zu dem Schlamassel kommen konnte.
Erst war da die geniale Idee, die in einer zukunftsorientierten Stadt wie Hamburg auf fruchtbaren Boden fiel. Einmal auf den Weg gebracht, wurde sie aber von Anfang an katastrophal umgesetzt. Die Situation ist festgefahren. Der Senat agiert ungeschickt, der Konzern arbeitet mit miesen Tricks. Die GAL-Fraktion wirft den Blick zurück und führt auf, wie es zu dem Schlamassel kommen konnte.
- Ein phantastisches Projekt
Das ursprüngliche Bild der Elbphilharmonie war das eines phantastischen Projektes: unglaublich, versponnen, wunderbar und großartig. Die Idee Elbphilharmonie war für Viele unwiderstehlich. Das Bild des kühn geschwungenen Glaskörpers auf dem riesigen Hafenspeicher in der Elbe wurde schnell zu einer strahlenden Ikone, die Schönheit, wirtschaftliche Prosperität und faszinierende Perspektiven jenseits trister Hafenökonomie versprach. Sie bot der damals noch kraftstrotzenden CDU die Chance, die eigene Provinzialität mit Weltarchitektur und Kultur auf höchstem Niveau weit hinter sich zu lassen und der Stadt eine Vision anzubieten, der sich auch die politischen Gegner nicht entziehen konnten. - Keine Gegner, kaum Fragen
Wer sich die Presseartikel zu den Planungen der Elbphilharmonie aus den ersten Jahren anschaut, findet kaum relevante Gegner des Projektes, jedenfalls keine die auch öffentlich Gehör fanden. Für ein Projekt dieser Größe ist vor 2008 ein erstaunlicher und eklatanter Mangel an kritischen Fragen festzustellen. Das gilt für die Bürgerschaftsparteien, die im Februar 2007 die Elbphilharmonie einstimmig beschlossen haben, aber es gab auch keine breite Protestbewegung von BürgerInnen, die mehr als kulturpolitische Zweifel angemeldet hätten. Noch bis in den Bürgerschaftswahlkampf im Winter 2007/2008 ist es dem CDU-Senat gelungen, die gravierenden Probleme des Baus unter der Decke zu halten. - Ein Meisterstück des Politmarketings
Der politische Konsens (und wohl auch der Mangel an kritischen Fragen) beruhte nicht allein auf der Faszination des Projektes, neben der die Kosten egal gewesen wären, sondern auf dem Versprechen, für relativ wenig Geld sehr viel zu bekommen. War in der Machbarkeitsstudie noch mit 186 Mio. € gerechnet worden, ging der einstimmige Bürgerschaftsbeschluss im Dezember 2006 von 241 Mio. € “Pauschalfestpreis” Baukosten aus. Davon sollten nur 138 Mio. € auf den öffentlichen Bereich fallen, für den inzwischen 57,5 Mio. € an privaten Spenden eingegangen waren. Fertig sollte der Konzertbereich im Dezember 2009 sein. Die Beschlussdrucksache führte an, dass jeder Verzugstag zu 200.000 € Vertragsstrafe führen würde. Wo also war das Risiko? - Pläne für eine bessere Welt
Die zu niedrig angesetzten Kosten basierten auf extrem optimistischen Annahmen:- die weitere Detaillierung der unfertigen und technisch nicht ausgereiften Baupläne würde im Kostenrahmen bleiben
- die Platzhalter-Budgets in den Planungslücken seien ausreichend groß (Beispiele: weiße Haut, Szenographie, Fassade)
- unvorhergesehene Probleme würden nur in sehr geringem Umfang auftreten (z.B. falsch eingeschätzte Tragfähigkeit des Kaispeichers und dadurch notwendig Nachgründung)
- alle am Bau beteiligten Akteure würden gemeinsam daran arbeiten, die Kosten niedrig und im Rahmen zu halten
- Große Probleme mit billigem Geld
Um Kosten für die Finanzierung der Investition zu sparen, wurde eine komplexe Projektkonstruktion gewählt (Forfaitierung), die das Bauherrenrisiko für den kommerziellen Mantel an die Stadt verschob. Damit verlor Stadt aber ein Druckmittel gegenüber dem Generalunternehmer HOCHTIEF, nämlich die Einstellung oder Verzögerung von Zahlungen im Konfliktfall, da die finanzierenden Banken zwischengeschaltet waren. - Weltarchitektur ist teuer
Der Anspruch „Weltarchitektur“ bedeutet nicht nur, einen genialischen Entwurf umzusetzen, sondern setzt sich bis in alle Einzelpläne, Materialien und Details fort. Aufgrund ihrer starken Vertragsposition, die ihre Zuständigkeit auch für die gesamte Ausführungsplanung mit einschloss, konnten Herzog&de Meuron ihre architektonischen Vorstellungen bis ins Detail und im Zweifel auch gegen Kostenargumente durchsetzen (Beispiel: einschalige Fassade). Die Architekten erreichten damit eine baubestimmende Rolle, die weder durch die ReGe noch durch den Senat wieder eingefangen werden konnte. - Verfrühte Ausschreibung
Die Ausschreibung auf einen unzureichenden Planungsstand war eine politische Fehlentscheidung (Schön, Gottschalk), die die Folgekosten einer längeren Planungsphase einsparen sollte und den günstigen Nebeneffekt hatte, den Bau schon vor dem nächsten Wahltermin werbewirksam nutzen zu können (Terminierung Plaza-Fest). Diese Kalkulation ging nicht auf, weil der mangelnde Planungsstand kaskadenartige Folgeprobleme und nicht mehr beherrschbare Kosten erzeugte.
Zudem führte die Entscheidung dazu, dass nur HOCHTIEF überhaupt ein Angebot abgab, während der Konkurrent STRABAG große Zweifel an der Kalkulierbarkeit der vorhandenen Pläne erhob und kein Angebot einreichte. In der letzten Verhandlungsphase war die FHH deshalb von dem einzig verbliebenen Bieter HOCHTIEF abhängig. Ob es dadurch zu Risikoverschiebungen zu Lasten der FHH bei den letzten Vertragsverhandlungen kam, ist noch nicht vollständig geklärt. - Pauschalfestpreis und seine Tücken
Die für die politische Durchsetzung des Projektes entscheidende Konstruktion Pauschalfestpreis war eine Fiktion, die lange von den politisch und organisatorisch Projektverantwortlichen gegenüber der Bürgerschaft als äußerst tragfähiger Anspruch dargestellt wurde. (Beispiel: Wegener im Ausschuss am 16.01.2007) Er galt aber nur für den unfertigen Planungsstand, der in den Ausschreibungsunterlagen im Sommer 2006 niedergelegt wurde. Planänderungen mit Auswirkungen auf das ursprünglich vereinbarte Bausoll waren vom Pauschalfestpreis nicht abgedeckt und trieben die Kosten in die Höhe.
Dabei hat sich die doppelte Rolle von ADAMANTA/HOCHTIEF besonders fatal ausgewirkt. HOCHTIEF konnte Nachforderungen für Kosten geltend machen, die sie als zukünftiger Betreiber der kommerziellen Mantelbebauung durch ihren Einfluss auf das Bausoll selber angestoßen hatten. Die nachträgliche Integration der Investorenplanung gehört zu den größten Kostentreibern im Gesamtprojekt. - Widersprüchliche Vertragskonstruktionen
Die Vertragskonstruktion hat ADAMANTA zur Ablieferung eines funktionstüchtigen, quasi schlüsselfertigen Konzerthauses verpflichtet, wie es Ausschreibungsunterlagen funktional beschrieben wurde. Dem Bauunternehmen ist damit normalerweise überlassen, wie genau das beschriebene Leistungsziel umgesetzt wird, Hauptsache die vereinbarten Vorgaben werden alle umgesetzt. Diese Konstruktion kollidierte mit der Entscheidung des Senats aus 2004, den Generalplanern Herzog&de Meuron die Ausführungsplanung zu überlassen, also auch die Details im Auftrage der FHH zu bestimmen. Dieser Widerspruch ließ Raum für diametral gegensätzliche Interpretationen der jeweiligen Vertragspflichten und wirkte sich verheerend auf die Fähigkeit zur produktiven Kooperation aus. Während HOCHTIEF ein umfangreiches Claim-Management installierte, um Ansprüche aus Planänderungen anzumelden, ignorierte die ReGe diese Ansprüche zunächst weitgehend in fataler Fehleinschätzung und musste sie später doch zu großen Teilen anerkennen. - Überfordertes Projektmanagement
Der unzureichende Planungsstand bei Zuschlagerteilung sowie die umfangreichen nachträglichen Änderungen durch die Integration der Investorenplanung machte die in der Bauphase noch zu erbringenden Planungsleistungen der Generalplaner zu einem entscheidenden Engpass für den Baufortschritt. Entgegen der gegenüber der Bürgerschaft (Drs.18/6278) vertretenen Aussage des Senats, es gäbe einen abgestimmten, synchronisierten Terminplan zwischen Generalplanern und HOCHTIEF waren die Generalplaner rechtlich daran nicht gebunden. Faktisch waren verfügbaren Ressourcen von Herzog&de Meuron und der ReGe mit den engen Zeitplänen für die technisch anspruchsvolle Realisierung überfordert. Zeitweise hat das sogar zu einer ungeprüften, pauschalen Planfreigabe der dringend gebrauchten Architektenpläne durch den ReGe-Geschäftsführer Wegener geführt.
Verspätete Pläne führten zu umfangreichen Behinderungsanzeigen von HOCHTIEF, realen Bauverzögerungen und damit zu weiteren Folgekosten. Die Stadt als Bauherr verfügte über keine Mittel, abgesprochene Termine im Konfliktfall auch durchzusetzen oder mit Vertragsstrafen zu sanktionieren. Die ReGe, insbesondere Projektleiter Wegener hat dieses Problem falsch eingeschätzt und nicht offen kommuniziert. - Unter Wölfen An den Bau der Elbphilharmonie binden sich viele, auch gegenläufige Interessen. Sehr stringent zeigt sich der hohe architektonisch-künstlerische Anspruch der Generalplaner Herzog&de Meuron, die weitgehend unbeeindruckt sind von den dadurch entstehenden Kosten oder Umsetzungsproblemen. Müssen sie auch nicht, da ihr Honorar vertraglich prozentual an die steigenden Baukosten gebunden ist. Die Interessenlage von ADAMANTA entwickelte sich komplizierter: als Wettbewerbsbieter noch an einem konkurrenzfähigen, zuschlagsfähigen Preis interessiert, schlägt ihr Interesse an der Darstellung niedriger Baukosten nach dem Zuschlag völlig um: ab da gilt es, aus dem Vertrag so viel wie möglich heraus zu holen. Ihre Möglichkeit, gleichzeitig als Investor der kommerziellen Mantelbebauung eigene Gestaltungsansprüche durchzusetzen, hilft ihnen dabei. Die FHH als Bauherr wirkt wie unter die Wölfe geraten, aber dieser Eindruck ist falsch. Gerade in den wichtigen Weichenstellungen des Projektes am Anfang hat der Senat durch überehrgeizige Zeitpläne und eine sehr komplexe Projekt- und Finanzierungskonstruktion mehr Energie in die Darstellbarkeit eines vertretbaren Preises und seines eigenen Verhandlungsgeschicks gesetzt, als auf die sorgfältige Abwägung der schon damals bekannten Risiken.
Lesen Sie mehr zum Thema Elbphilharmonie:
Elbphilharmonie: Traum und Alptraum (ein Rückblick mit Ausblick)
Alptraum Elbphilharmonie: Katastrophales Management des Senats
Elbphilharmonie: Hochtief legt Baustelle lahm
Elbphilharmonie: Hochtief legt die Baustelle lahm (Blogbeitrag von Dr. Eva Gümbel)
4 Kommentare

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Gast meint:
16.11.2011 - 07:24
Die Hamburger Bürger sollten sich lieber freuen. Ein so schönes Gebäude in traumhafter Lage mit Kultureinrichtungen gibt es nicht überall. Es ist sehr schade, dass die Projekt-Beteiligten sich derart streiten. Bei so viel Fachkompetenz sollten lieber die Kräfte auf das Ziel ausgerichtet werden, denn Bauen macht viel mehr Freude ohne Streit. Es ist doch klar, dass die zusätzlichen Leistungen Mehrkosten verursachen. Wir in Berlin haben relativ oft mit derartigen Verhältnissen zu tun. Alles halb so schlimm. Ich freue mich schon auf den ersten Besuch in der Elbphiharmonie.
Gruß aus Berlin
Gast meint:
13.11.2011 - 11:56
Der Artikel gibt mir einen prima Überblick über Historie und Zustand der vertrackten Lage, in der sich der Bau und dessen Kosten aktuell befinden. Sehr hilfreich! Deutlich wird auch, wie wenig Chance auf kurzfristig grundlegende Besserung besteht.
Was mir komplett fehlt, ist eine Betrachtung unseres GALligen Anteils an Entwicklung und aktueller Lage: waren wir nur Stimmvieh im Senat - nix gewusst und nix gemerkt? Haben wir das Renommee-Thema mit der CDU gedealt gegen eines unserer Herzensthemen - wie beurteilen wir dann jetzt das Ergebnis? Was werden wir bei einem nächsten Projekt dieser Größe (anders) machen - damit wir bei Finanzinvestitionen und Projektmanagement nicht als ahnungslos gehandelt werden können?
Gruß Andreas
Gast meint:
08.11.2011 - 05:41
Während Ihrer Mitregierungszeit hat die GAL den ganzen Elbphilharmonie Murcks brav mitgemacht. Nun in der Opposition erwecken Sie den Eindruck, als hätte die GAL dem nicht zugestimmt.
Gast meint:
14.11.2011 - 01:49
Die GAL hat das Projekt Elbphilharmonie für Hamburg aufgrund seiner überragenden kulturellen Bedeutung für Hamburg unterstützt. Gleichermaßen waren und sind wir entsetzt über die schlechte Planung und Umsetzung durch den Senat. Während der schwarz-grünen Koalition haben wir uns bemüht, die Projektorganisation auf den richtigen Weg zu bringen, um die städtischen Interessen besser durchzusetzen (z.B. engere Anbindung der Rege an die Kulturbehörde und personelle Stärkung der ReGe, Austausch des Projektkoordinators). Die Probleme sind aber tiefergehend und hängen hauptsächlich mit der komplizierten Vertragskonstruktion zusammen, die während unserer Regierungsbeteiligung nicht zu ändern war.
Hans-Jürgen Sievertsen
Referent GAL Fraktion